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Meine Wurzeln vergesse ich nie


Im April 2023 nahmen wir am Human Rights Film Festival Zurich mit einem Projekt namens "Verwurzelt - Entwurzelt: Postkartengespräche" teil und luden die Besucher ein, ihre Gedanken darüber zu teilen, was es für sie bedeutet, verwurzelt (oder entwurzelt) zu sein. Kouassi Amoussou Doh, Produktionsmitglied, steuerte eine Erzählung bei, die von Barbara Imobersteg aufgezeichnet wurde.

Human Rights Film Festival and Social Fabric interactive project "Rooted - Uprooted: Postcard Conversations"

Meine Wurzeln – das sind die Traditionen und Bräuche, die Geschichte und Kultur des Landes, wo ich herkomme und geboren wurde. Mit ihnen bin ich verbunden, wo auch immer ich bin. Ich esse Adémè*, ich schliesse die Augen, und ich bin in Togo. Ein Leben lang. Ich bin jetzt seit 35 Jahren in der Schweiz und es ist immer noch genau gleich.


Man kann die Wurzeln nicht zurücklassen und woanders neue nehmen.

Ein Baum, der die Wurzeln verliert, stirbt. Auch ein Mensch braucht Wurzeln, damit er eine Zukunft hat, so, wie ein Haus ein Fundament haben muss, damit es feststeht und aufgebaut werden kann. Vieles kann hinzukommen. Ich habe sehr viel gelernt und Vieles zu meiner Kultur hinzugefügt, aber meine Wurzeln habe ich nicht ausgewechselt. Das geht nicht. Auch nach einer sehr langen Zeit geht das nicht.


Ein Baumstamm kann noch so lange im Fluss treiben, er wird kein Krokodil.

Wenn die Kinder hier geboren werden, haben sie natürlich auch hier ihre Wurzeln und es ist die Aufgabe der Eltern, ihnen die Kultur der Vorfahren zu vermitteln. Das sind wichtige Bezugspunkte. Wenn man jung ist, merkt man es vielleicht noch nicht. Man interessiert sich weniger dafür. Manche wollen auch alles hinter sich lassen, alles vergessen, ihre eigene Vergangenheit nicht mehr repräsentieren. So verlieren sie aber ihre Orientierung. Ich habe mich immer mit meiner Geschichte beschäftigt, habe sie auch hier noch studiert. Ich habe gelesen und mich informiert. Vieles hat sich verändert in Afrika, im Guten wie im Schlechten. Die Gemeinschaften waren früher stärker, die Leute haben zusammengehalten, waren zusammen traurig und waren zusammen glücklich.


Die Gemeinschaft, das waren die Wurzeln, der gemeinsame Boden.

Nur auf diesem gemeinsamen Boden konnte sich etwas Individuelles entwickeln. Inzwischen gibt es mehr Individualität – aber auch mehr Egoismus. Die Frauen haben sich Freiheiten erkämpft und stehen für ihre Rechte ein. Die Polygamie wurde aufgehoben. Und wir sind Teil der Globalisierung, alles vermischt sich, alle Menschen tauschen sich aus.


Vorurteile können abgebaut werden, denn die Ängste verschwinden, wenn man sich wirklich begegnet.

Xenophobie entsteht nur, wenn man sich nicht kennt, wenn man geprägt ist von kulturellen oder religiösen Vorstellungen: Man hat etwas gehört und überprüft nicht, ob es stimmt. So werden Grenzen konstruiert. Ich denke viel nach, auch über meine Wurzeln. Mit dem Älterwerden merke ich, wie wichtig und wertvoll der Bezug zu meiner Kultur ist. Meine Wurzeln sind wie eine Muttersprache, ich vergesse sie nie.


* ein grünes Blattgemüse aus der togolesischen Küche



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