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Eine leichte Spannung liegt in der Luft

Auf dem Flipchart steht «heucheln = etwas vorgeben» und «die Landessprache, die Amtssprache». Wir wissen nicht, was während des gemeinsamen Mittagessens diskutiert worden ist.


Neue, unbekannte Wörter sind jedenfalls, wie immer, auf dem Flipchart festgehalten worden. Hanna fotografiert sie sogleich. Mit den persönlichen Notizen auf dem Handy wächst ihr Wortschatz stetig. Etwas ist anders heute. Eine leichte Spannung liegt in der Luft.


Heute ist offenes Nähatelier. Niemand weiss, wer kommt und wie viele es sein werden.

Mogai ist die Erste. Eine alte Bekannte. Seit zwei Jahren besucht sie schon den Nähkurs. Sie nimmt sich noch schnell einen Kaffee, bevor es losgeht und wechselt ein paar Worte mit dem Team. Alle freuen sich über ihre Fortschritte in Deutsch. Mogai steckt das Lob ein und lacht von Herzen. Auch Elisabeth und Jacqueline treffen schon etwas früher ein. Die beiden freiwilligen Helferinnen möchten noch in Ruhe ein Nähproblem besprechen. Jacqueline ist Hobby-Näherin und profitiert gern vom Wissen der Profis. «Ich kann hier selbst noch viel lernen und wenn ich nicht mehr weiterkomme, ist immer jemand bereit, mir zu helfen.» Aktuell ist Amiras Mantel in Arbeit. Sie hat von ihrem Bruder Stoff geschenkt bekommen. Es scheint ihr viel zu bedeuten, sie erzählt die Geschichte mehrmals. Das Vorhaben ist allerdings anspruchsvoll und erfordert Knowhow. Der Mantel soll gut passen und auf Amiras Figur zugeschnitten sein.


«Grüezi!» Das ist Dasha, die stille Ukrainerin, die sich sogleich an die Maschine setzt.

Alle sagen «Grüezi», das Atelier hat sich mittlerweile gefüllt. Einige kennen und umarmen sich. Auch «Salam» hört man ab und zu, aber die Freundschaften gehen über die Sprachgrenzen hinweg. Eben drückt Amira Mogai im Vorbeigehen fest an sich und sagt etwas auf Persisch. Da Mogai Somalierin ist, übersetzt sie sogleich.


«Du bist mein Herz», heisst das auf Deutsch. Sie legt die Hände auf die Brust – die Geste spricht für sich.

Viel geplaudert wird aber nicht im Nähtelier. Alle wollen arbeiten, die Zeit nutzen und möglichst weit kommen mit ihren Nähprojekten. Monika, die ehemalige Handarbeitslehrerin wendet sich Sara zu, die heute erstmals ihre Tochter mitgebracht hat. Die junge Frau zeigt wenig Begeisterung – ein Teenager hat vermutlich andere Freizeit-Träume als Schürzen nähen. Monika hat aber offensichtlich Erfahrung mit solchen Situationen und bringt das Mädchen nicht nur zum Nähen, sondern auch zum Lachen.


«Herzlich willkommen!» Annette begrüsst einen jungen Mann am Eingang.

Er ist neu und kann noch kaum ein paar Worte Deutsch sprechen. Mahdi, der ebenfalls persisch spricht und bereits eigene Nähprojekte realisiert, hilft beim Übersetzen der kurzen Einführung. Der Basis-Nähkurs führt in fünfzehn Schritten von der ersten Naht bis zur Produktion einer Hose und beinhaltet auch drei Wortschatz-Lektionen. Hassan nickt und setzt sich an die Maschine. Nähen scheint ihm vertraut zu sein. Leider ist nun bereits Kaffee-Pause. Niemand will die Arbeit unterbrechen, alle lassen sich bitten. Schliesslich sind sie aber um den Tisch versammelt, gönnen sich Früchte und Süssigkeiten und spielen Memory.



Social Fabric hat ein eigenes Spiel entwickelt: Alle wichtigen Ausdrücke des Nähbedarfs sind einzeln auf Kärtchen gedruckt und bilden mit dem zugehörigen Bild ein Paar.

Hassan ist mutig und macht sofort mit. Der Flip Chart füllt sich unterdessen mit Wörtern wie Stoffbahn und Fadenlauf und wird fortlaufend fotografiert von den Anwesenden.


Turan geht als Erster zurück an die Arbeit. Er hat einen gestreiften Jersey zuzuschneiden und sowohl das Muster als auch die Elastizität des Stoffs sind nicht einfach zu handhaben. «Pass auf, dass es mit den Streifen stimmt,» sagt Jacqueline und hilft gleich mit, den Stoff exakt auszulegen. Links und rechts ist ihre Hilfe gefordert. Sie lacht: «Hier übe ich mich regelmässig in Multitasking, das macht richtig Spass und hält mich fit.»


Turan schneidert eine Pijamahose für seinen Sohn.

«Wo ist die Kamera?» Tuli hat eben das vierte Produkt des Basis-Nähkurses fertig genäht und einen Stempel in ihr persönliches Notizheft bekommen. Nun lässt sie sich mit der neuen Tasche fotografieren. Sie posiert wie ein Profi und hüpft ausgelassen um den Tisch. Das Polaroid Bild wird sogleich eingeklebt und Tuli bügelt schwungvoll den neuen Stoff für die Schürze, die als Nächstes drankommt. Langsam geht es jetzt aber ans Aufräumen. Alle möchten noch schnell etwas beenden, die Stimmung ist hoch konzentriert. Nur Maya, die noch ganz am Anfang steht und den ganzen Nachmittag über still genäht hat, streckt sich genüsslich. «Seit zwanzig Jahren möchte ich nähen», erzählt sie ihrer Nachbarin, «und nun ist mein Wunsch – wie heisst das genau? Vorfüllt!?»



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